
«Representing Globalization» by Fredric Jameson - Luxemburg Lecture
Rosa-Luxemburg-Stiftung
Overview
Der Vortrag von Fredric Jameson untersucht die Schwierigkeiten und Herausforderungen bei der Darstellung der Globalisierung. Er argumentiert, dass die schiere KomplexitĂ€t globaler Finanznetzwerke und die immense Weltbevölkerung die menschliche Vorstellungskraft ĂŒberfordern. Jameson vergleicht die Darstellungsprobleme der Globalisierung mit denen der Entstehung von Nationalstaaten und zieht Parallelen zu literarischen und filmischen Formen wie dem Roman und dem Melodrama, die versuchen, Gleichzeitigkeit und rĂ€umliche Vernetzung darzustellen. Er schlĂ€gt vor, dass Konzepte wie âInkommensurabilitĂ€tâ und die Analyse von âmehrdimensionalem Schachâ helfen können, die KomplexitĂ€t der Globalisierung zu verstehen, und betont, dass neue Darstellungsformen fĂŒr diese neue RealitĂ€t erforderlich sind, die oft durch Konflikte und nicht durch Harmonie gekennzeichnet ist.
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Chapters
- Die Globalisierung stellt aufgrund ihrer unvorstellbaren KomplexitĂ€t (Finanznetzwerke, BevölkerungsgröĂe) eine Darstellungsherausforderung dar.
- Finanzkapital und Bevölkerung sind die beiden Extreme, die die Unmöglichkeit der Darstellung der Globalisierung verdeutlichen.
- Statistiken und Zahlen sind Ersatz fĂŒr echtes Denken und können die KomplexitĂ€t nicht erfassen.
- Das GefĂŒhl der Unmöglichkeit des Denkens ist dialektisch mit dem unmöglichen Gedanken selbst verbunden.
- Die Vorstellung des Nationalstaats war historisch ebenfalls mit ReprÀsentationsproblemen verbunden, die denen der Globalisierung Àhneln.
- Benedict Andersons Konzept der âimagined communitiesâ erklĂ€rt, wie Nationalstaaten durch die Vorstellung von Gleichzeitigkeit in einer homogenen, leeren Zeit entstehen.
- Die Entwicklung des Romans und des Melodramas als ErzĂ€hlformen spiegelt dieses neue ZeitgefĂŒhl und die Vernetzung von Menschen wider.
- Diese ErzĂ€hlformen nutzen Gleichzeitigkeiten und die Unkenntnis der Figuren ĂŒber die Handlungen anderer, um soziale Vernetzung darzustellen.
- Filme wie GonzĂĄlez Iñårritus âAmores Perrosâ und âBabelâ nutzen die Form der âZeitschleifeâ, um die Gleichzeitigkeiten der Globalisierung darzustellen.
- Diese Filme verweben verschiedene HandlungsstrÀnge, die gleichzeitig an unterschiedlichen Orten stattfinden, um die globale Vernetzung zu visualisieren.
- Die Form der Zeitschleife beschwört den Inhalt der Globalisierung herauf, indem sie die gleichzeitige Existenz verschiedener RealitÀten zeigt.
- Diese Darstellungsformen haben einen theologischen Ursprung in der Vorstellung von Gottes allwissendem, gleichzeitigem Wissen ĂŒber die Welt.
- Zeitungen waren im Nationalstaat ein wichtiges Medium, das soziale RealitÀten der Gleichzeitigkeit vermittelte und literarische Formen ermöglichte.
- Auf globaler Ebene fehlt ein vergleichbares verbindendes Medium wie die Zeitung, das die Schicksale miteinander verknĂŒpft.
- Der Computer könnte ein Ăquivalent sein, ist aber von anderer Natur und passt nicht zu Ă€lteren Darstellungsformen.
- Das âLing-Prinzipâ (Lesing) hebt die Schwierigkeit hervor, visuelle und zeitliche KĂŒnste zu vereinen, was fĂŒr die Darstellung der Globalisierung relevant ist.
- Die Idee des âCognitive Mappingâ schlĂ€gt vor, globale Handelsrouten und Netzwerke kartografisch darzustellen.
- Karten sind rein visuell und scheinen unvereinbar mit ErzÀhlungen, was das Ling-Prinzip widerspiegelt.
- Gesellschaftsromane tendieren zum Kriminalroman, um extreme Erfahrungen und die Korruption des Kapitalismus darzustellen.
- Kriminelle Handlungen und illegale Handelswege sind oft besser geeignet, die Globalisierung zu kartieren als der normale Handel.
- Die britische Serie âTrafficâ (1989) wird als Beispiel fĂŒr die Darstellung globaler Handelsrouten (Drogenhandel) analysiert.
- Die Serie zeigt drei Ebenen: 1. Produktion (Opiumfelder, Arbeitskraft), 2. Wertschöpfung (Transport, Finanzmanipulation) und 3. Konsum (Sucht der Konsumenten).
- Auf der globalen Ebene sind Inhalte wie Waren und Objekte austauschbar geworden; es geht um abstrakte Werte und Lebensstile.
- Die Darstellung der Globalisierung muss die physische Dimension des Leidens der SĂŒchtigen und die sozialen Verwerfungen berĂŒcksichtigen.
- âInkommensurabilitĂ€tâ beschreibt das Nebeneinander von Dimensionen, die nicht ineinander ĂŒberfĂŒhrt oder verglichen werden können.
- Die Globalisierung ist multidimensional, mit getrennten Welten von Arm und Reich, die kaum noch kausale ZusammenhÀnge aufweisen.
- Mehrdimensionales Schach dient als Metapher fĂŒr die gleichzeitige Existenz in verschiedenen Dimensionen, in denen man gleichzeitig gewinnen und verlieren kann.
- FuĂball wird als Beispiel fĂŒr die InkommensurabilitĂ€t und die Ăberschneidung verschiedener Dimensionen (NationalitĂ€t, Vereine, Spielerkarrieren) angefĂŒhrt.
- Die Darstellung der Globalisierung erfordert literarische Praktiken, die Synchronie (Gleichzeitigkeit) und MultidimensionalitÀt vereinen.
- Eine ErzÀhlung sollte die unsichtbare PrÀsenz einer anderen, abwesenden Dimension andeuten, z.B. globale Finanzmanipulation hinter einer lokalen Gegenwart.
- Die Kategorie der Verschwörung wird als narrative Form vorgeschlagen, um die Beziehung zwischen unvereinbaren Ebenen (Bank gegen Nation) darzustellen.
- Die Spannung zwischen nationaler Form und globalen Netzwerken sowie die widersprĂŒchlichen Subjektpositionen (Arbeiter als Freund und Feind) sind zentrale Themen.
- Es ist wichtiger, das Problem der Darstellung zu formulieren, als nach einer fertigen Lösung zu suchen.
- Neue literarische Formen entstehen aus Àlteren Problemen der Darstellung und erfordern stets neue Erfindungen, da sie nicht wiederverwendbar sind.
- Literarische und figurative Analysen (Allegorie, ErzÀhlung) sind untrennbar mit politischen Dilemmata verbunden und haben tiefgreifende soziale Konsequenzen.
- Die Praxis (Literatur, Kunst) entsteht aus der Theorie, aber umgekehrt kann die Theorie auch von der Praxis inspiriert werden.
Key takeaways
- Die Globalisierung ist aufgrund ihrer immensen KomplexitÀt und Geschwindigkeit schwer darstellbar.
- Historische Analogien wie die Entstehung von Nationalstaaten helfen, die ReprÀsentationsprobleme der Globalisierung zu verstehen.
- Neue ErzĂ€hlformen wie die âZeitschleifeâ im Film versuchen, die Gleichzeitigkeit und Vernetzung der globalisierten Welt abzubilden.
- Es fehlt ein globales Medium, das die vielfĂ€ltigen Ereignisse und Schicksale der Welt miteinander verknĂŒpft, Ă€hnlich wie Zeitungen im Nationalstaat.
- Konzepte wie âInkommensurabilitĂ€tâ und âMultidimensionalitĂ€tâ sind notwendig, um die fragmentierten und widersprĂŒchlichen RealitĂ€ten der Globalisierung zu erfassen.
- Die Darstellung der Globalisierung muss sowohl die abstrakten Finanzsysteme als auch die konkreten menschlichen Erfahrungen von Produktion, Wertschöpfung und Konsum berĂŒcksichtigen.
- Die Analyse literarischer und erzĂ€hlerischer Formen ist eng mit politischen und sozialen Problemen der Globalisierung verknĂŒpft.
Key terms
Test your understanding
- Warum stellt die Globalisierung laut Jameson eine besondere Herausforderung fĂŒr die menschliche Vorstellungskraft und Darstellung dar?
- Wie hilft Benedict Andersons Konzept der âimagined communitiesâ und die Idee der âGleichzeitigkeitâ beim VerstĂ€ndnis der Darstellung von Kollektiven wie Nationalstaaten und potenziell der Globalisierung?
- Welche Rolle spielen filmische Formen wie die âZeitschleifeâ bei der Darstellung der Globalisierung, und welche EinschrĂ€nkungen haben sie?
- Was versteht Jameson unter âInkommensurabilitĂ€tâ, und wie kann dieses Konzept helfen, die komplexen und oft widersprĂŒchlichen Dimensionen der Globalisierung zu verstehen?
- Welche neuen Darstellungsformen oder narrativen Kategorien schlÀgt Jameson vor, um die Herausforderungen der Globalisierung zu bewÀltigen, und warum sind diese notwendig?